Zu meinem ÄRGER – Litanei der Talkshows

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Medienwissenschaftler Jens Wendland ärgert sich über den Mangel an eigenständigem Journalismus und freut sich über das Fahnder-Doppel Barnaby und Lewis

Herr Wendland, worüber haben Sie sich in dieser Woche in den Medien am meisten geärgert?

Nach wie vor über die Litanei politischer Talkshows, welche die aktuelle Hitliste an Reizthemen (diese Woche: Hartz IV, Integration, Sicherheit, Putin) personalisieren, überwiegend den Mainstream und Klischees bedienen, erschreckend regelmäßig Vorurteile bestärken. Immer noch hoffe ich, dass der Appell des ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm Wirkung zeigt, in den Hauptprogrammen eigenständigen Journalismus zu reanimieren, weil die Talkshows seiner Meinung nach zu dominant seien. Darf man auf Hintergrund, gar Investigation hoffen? Ich befürchte, dass der überfällige Weckruf aus Angst vor der Quote und Mangel an auskömmlich finanzierter publizistischer Fantasie und Mut ungehört verhallt.

Gab es auch etwas, worüber Sie sich freuen konnten?
Wie akribisch das Inspektoren-Doppel Barnaby und Lewis auf dem Nebenschauplatz ZDFneo Abgründe der scheinbar betulichen englischen Provinz und der Gelehrtenrepublik Oxford ausleuchtet. Die entschleunigte Erzählweise nimmt es mühelos mit jedem Krimi-Stereotyp auf.
Welche Webseite können Sie denn empfehlen?
„Spiegel online“, immer noch Trendsetter der Nachrichtenportale, die sich journalistisch qualifiziert haben, weil sie den verwirrenden Strom an Informationen nicht nur nachvollziehbar in Chroniken der laufenden Ereignisse kanalisieren, sondern viele multimediale journalistische Widerhaken mit Lerneffekten auslegen. Tragischer Kollateralschaden für das gedruckte Wort: „Spiegel online“ übertrumpft derweil publizistisch das Wochenmagazin.

Jens Wendland, Professor für Medienwissenschaften an der UdK Berlin und an der Lomonossow-Universität Moskau, ist „Head“ des „Digitalisation Project“ des Dialogue of Civilizations Research Institute in Berlin und war letzter Hörfunkdirektor de SFB..