Russischer Think Tank in Berlin – Friedensinstrument oder Propagandawerkzeug?

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“Dialogue of Civilizations” (DOC) nennt sich ein russischer Think Tank, der jetzt in Berlin gegründet wurde. Finanziert wird er vom Putin-Intimus Wladimir Jakunin. Das lässt Kritiker daran zweifeln, ob hier wirklich der Dialog gesucht wird.

Die Adresse in Berlins Mitte ist nobel, der neue Chef freundlich, aber aus einer anderen Welt. Pooran Chandra Pandey kam direkt aus Indien eingeflogen und rieb sich erst einmal die Augen, denn der feingliedrige 48-Jährige ist nichtsahnend zwischen die deutsch-russischen Fronten von Russlandverstehern und -kritikern geraten. Ein Konflikt, der neu ist für den indischen Unternehmensberater Pandey, der trotzdem oder gerade deswegen mit der Leitung des Instituts beauftragt wurde, das Wladimir Jakunin, ein Vertrauter des russischen Präsidenten Putin, mit gegründet hat.

“Ich treffe Jakunin nicht oft, ein paar Mal im Vierteljahr. Dass er das Institut mit finanziert, ist für mich keine Bürde. Der Grund, weshalb ich nach Berlin zu dem DOC Research Institut gekommen bin, war, dass ich gern für ein solches Start-up-Unternehmen arbeiten wollte.”

Unterstützer des DOC vertrauen, dass das Institut einen “Dialog der Zivilisationen” anstrebt, also seinem Namen gerecht wird. Kritiker halten es für ein weiteres Propaganda-Werkzeug des Kremls, der noch immer auf Konfrontationskurs gegen Deutschland ist, während er die eigene, russische Zivilgesellschaft zum Schweigen verurteilt, nichtstaatlichen Organisationen, die Finanzhilfen aus dem Ausland erhalten, den Stempel als “ausländische Agenten” aufdrückt und nichtrussische, vor allem westliche Stiftungen zu unerwünschten Organisationen erklärt.

Deswegen bezweifelt Osteuropa-Expertin Stefanie Schiffer, dass ausgerechnet dieses Institut den Dialog befördern wird.

“Hinter dem ‘Dialog der Zivilisationen’ verbirgt sich ein ganz anderes Konzept von einer russischen expansiven Machtpolitik, was in diesem Institut wohl vertreten wird.”

“Jakunin steht für das System Putin”

Kein einziger namhafter Wissenschaftler aus Deutschland hat bei dem Institut angeheuert, obwohl Headhunter gesucht haben und gute Gehälter gezahlt werden sollten, eben von Wladimir Jakunin, dem schwerreichen Ex-Chef der russischen Eisenbahngesellschaft. Der steht wegen der Krim-Annexion auf der Sanktionsliste.

Stefan Meister, Politologe, blieb lieber bei der Gesellschaft für Auswärtige Politik, denn er kennt den wichtigsten Geldgeber des neuen Instituts.

“Jakunin steht für das System Putin. Als jemand, der unter Putin auch reich geworden ist. Aber er steht auch für ein bestimmtes Wertebild, Homophobie, die Ablehnung der liberalen Werte, also den ganzen Diskurs unter Putin, dass Russland etwas Eigenständiges sein soll, das sich abgrenzt von dem von den USA dominierten Westen. Da steht er für den radikalen orthodoxen Teil dieser Denkschule.

Er unterstützt sehr stark die orthodoxe Kirche, hat auch stark die orthodoxen Elemente, gerade im traditionellen Familienbild und ist da schon aggressiv teilweise in der Ablehnung.”

Dass u.a. Ex-Bundeswehr-General Harald Kujat oder die ehemalige Chefin der deutsch-russischen Handelskammer, Andrea von Knoop, im Aufsichtsrat sitzen, ändert wenig am Ruf des Instituts, im Gegenteil, sagt Stefanie Schiffer.

“Die Namen, die bekannt sind, sind aus der Politik und die stehen eigentlich eher für eine prorussische Lobbyisten-Tätigkeit als für eine wissenschaftliche Analyse oder gar für eine gesellschaftliche Verständigung.”

Die zwölf wissenschaftlichen Mitarbeiter kommen aus dem nahen und fernen Ausland, Kontroversen blieben bislang aus. Das Institut steht unter Beobachtung, so auch von Marieluise Beck, der grünen osteuropapolitischen Sprecherin im Bundestag.

“Wer sich in Berlin in der Mitte der Stadt niederlassen kann, ist sichtbar. Insofern ist dieses Institut selbstverständlich präsent. Nach meiner Beobachtung gibt es einen deutlichen Unterschied zu einem sehr groben Ansatz von ‘Russia Today’. Das Jakunin-Institut ist filigraner in seinem Vorgehen. Das macht die Herausforderung, sich auseinanderzusetzen, schwieriger. Es gibt dabei immer einen gewissen Zwiespalt: Geht man hin oder lässt man es links liegen?”

Die Welt wird aufgeteilt in drei Blöcke

Der Politologe und Historiker Alexander Rahr, inzwischen Berater des russischen Gasförderers Gazprom, mahnt, dem neuen Institut mit mehr Offenheit zu begegnen:

“Geben wir ihm eine Chance. Dieses Institut wird sich nicht so sehr mit dem Ost-West-Konflikt beschäftigen, als mit diesen Konflikten oder diesem Verständnis, wohin sich die menschliche Zivilisation entwickelt. Das wird natürlich der russische Blick sein. Also wird die Welt wahrscheinlich aufgeteilt in drei Blöcke: diese sogenannte westliche liberale Wertewelt, dann dieses neue Eurasien, das Russland gar nicht mal im Gegensatz mit den Chinesen, aber zusammen mit den Indern, Chinesen und Iranern aufbauen möchte, und dann der Rest der Welt, vor allem der islamische Faktor.”

Institutsleiter Pooran Pandey bleibt viel vager bei der Frage nach Ausrichtung des Instituts. Man wolle Lösungen anbieten, keine akademische Forschung, Gehör bei Wirtschaft und Regierung finden. Nur eines wolle man nicht: Konfrontation.

“Think Tanks verstehen sich als soft power, sie wollen keine Konflikte heraufbeschwören, denn wenn sie das tun, überleben sie nicht lange als Think Tank. Nehmen wir uns noch ein wenig Zeit. Und dann wird sich die Meinung in Berlin über unser Institut vielleicht ändern, wird es als etwas Verbindendes angesehen und nicht als etwas, das spaltet.”

Vielleicht bleibt der indische Chef des russischen Think Tanks aber auch allein auf weiter Flur mit seinem Wunsch auf Versöhnung.