Dröhnendes Echo

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Takt oder Rücksichtnahme sind Milos Zeman fremd. Auch im Weltwoche-Gespräch nimmt Tschechiens
Präsident kein Blatt vor den Mund: Den Islam will er bekämpfen, Migranten auf unbewohnte Inseln
deportieren.

Von Wolfgang Koydl

Milos Zeman ist ein grosser Mann, wobei hier körperliche Masse gemeint sind und nicht eine herausragende politische und intellektuelle Statur. Jedenfalls ist es so, dass der tschechische Staatspräsident nicht verschwindet neben dem Riesen, der sich ständig in seiner Umgebung aufhält: halb Leibwächter, halb Faktotum, ein bisschen Pfleger. Zu seinen Aufgaben gehört es unter anderem, Zemans robusten Gehstock zu verwahren, wann immer der Präsident sitzt. Milos Zeman ist auch ein Mann der grossen Worte, wobei hier ebenfalls weniger deren Nachhall in der Zukunft gemeint ist als ihr dröhnendes Echo in der Gegenwart. Denn der 72-Jährige ist ein Freund des deutlichen, ja des derben Wortes. Ihm ist es herzlich egal, wie vielen Politikern daheim er auf die Zehen tritt und wie vielen Diplomaten er Herzrasen verursacht.

Damit wird aus Zeman, so kann man es wohl sagen, ein potenzierter Orbán: Was Ungarns Ministerpräsident aus politischer Rücksichtnahme nicht so deutlich aussprechen kann, wie er es wohl möchte, kann der Tscheche ungeniert in die Welt hinausposaunen. Dabei gelingt es ihm immer noch, seine Zuhörer zu überraschen, obwohl er noch nie mit seiner Meinung hinter dem Berg hielt – egal, was oder wen er ins Visier nahm: die EU («keine Zukunft, weil ihre Führer keine Träume haben»), Sudetendeutsche («Hitlers fünfte Kolonne»), den Umsturz in der Ukraine («undemokratisch») oder die Republik Kosovo («von der Drogenmafia finanziertes Terror-Regime»).

Churchills Sieg trotz Alkohol Einer seiner schärfsten politischen Widersacher, der bei den Präsidentschaftswahlen unterlegene Gegenkandidat Karel Schwarzenberg, verstieg sich angesichts Zemans verbaler Rundumschläge sogar einmal zu der rhetorischen Frage, ob diese Meinungsäusserungen von einem Politiker bewertet werden sollten oder nicht vielleicht doch lieber von einem Arzt. In diesem Zusammenhang werden dabei stets Spekulationen ьber ein Alkoholproblem des Prдsidenten laut. Zeman wischt das so leger vom Tisch wie ein leeres Bierglas: Hitler sei Abstinenzler gewesen und habe den Krieg verloren, meinte er einmal. Gewonnen habe Winston Churchill, dessen Champagner- und Whisky-Konsum legendär gewesen sei. Auch beim Treffen mit der Weltwoche am Rande einer internationalen Tagung, die der ehemalige Putin-Vertraute und Ex-Chef der russischen Eisenbahnen, Wladimir Jakunin, jedes Jahr in Rhodos ausrichtet, blieb sich Zeman treu und nahm kein Blatt vor den Mund. Er gefällt sich in der Rolle der Kassandra, auch wenn er natürlich das traurige Schicksal der griechischen Prophetin kennt: Die Bürger von Troja glaubten ihr nicht. «Aber sie hatte recht, und wir alle wissen, was mit Troja geschah», meint Zeman trocken.

Der Politiker kommt zwar ursprünglich aus der tschechischen Sozialdemokratie, aber seine Ansichten und Meinungen zu den wichtigsten politischen Themen der Gegenwart haben kaum Ähnlichkeit mit weichgespültem
sozialdemokratischem Mainstream. Das betrifft sowohl seine Skepsis über den Zustand und die Zukunft der Europäischen Union als auch seine apokalyptischen Warnungen vor den Folgen einer unbegrenzten muslimischen Massenzuwanderung für Europa und vor den Gefahren, die vom radikalen Islam ausgehen.

Letzterer ist seiner Meinung nach ein «gesellschaftlicher Krebs», dessen unaufhörlich wuchernde Metastasen die westliche Zivilisation zerstören. Noch vor wenigen Jahren habe der sogenannte Islamische Staat nur Einfluss in sechs Ländern gehabt, zählt er auf. Heute habe er sich schon in 35 Staaten festgefressen – von Westafrika bis nach Afghanistan. «Aber Krebs kann man nicht heilen, indem man ihm gut zuredet», diagnostiziert Zeman. «Man muss ihn bekämpfen.»

Daher will er den Dialog mit dem radikalen Islam begrenzen: «Ein grenzenloser Dialog ist Quatsch», erklärt er bündig und verwendet dabei das deutsche Wort. Mit Terroristen sei ein Gespräch genauso wenig notwendig und möglich wie damals mit den Nazis, fügt er hinzu. Er sucht nach einem passenden Vergleich. «Sehen Sie», sagt er, «auf der ganzen Welt gibt es viele verschiedene Speisen und Gerichte, die man vergleichen und verkosten kann.» Das sei ein Beispiel für einen für alle Seiten fruchtbaren Dialog. «Aber mit Kannibalen kann man nicht über Rezepte reden», meint er schliesslich. «Bei ihnen stellt sich die Frage anders: denn wir sind ihre Mahlzeit. Wer diesen Unterschied nicht kennt, der macht einen grossen Fehler.»

Verhängnisvoll wäre es nach seiner Überzeugung auch, sich in der falschen Sicherheit zu wiegen, dass die grosse Mehrheit der Menschen in islamischen Ländern ja friedfertig und nur eine verschwindend kleine Gruppe von Dschihadisten gewalttätig sei. «Anfang der dreissiger Jahre waren die Deutschen auch alle anständig und kultiviert, die Nation von Goethe und Schiller», sagt er. «Drei Jahre später waren sie alle fanatische Nazis.» Genauso verhalte es sich mit dem radikalen Islam. «Diese einfache und attraktive Ideologie kann die jungen Generationen beeinflussen und stellt eine akute Gefahr für unsere Zivilisation dar.»

Vorbild Australien Und wir holen uns diese Gefahr sogar mit offenen Armen ins Land, höhnt Zeman und spricht damit die «absolut verfehlte, absurde» Willkommenskultur der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel an. «Ich bin nicht gegen Migranten in meinem Land, wenn sie aus der Ukraine kommen, aus Vietnam, Russland, Weissrussland oder Serbien», stellt er klar. Nur bei der islamischen Zuwanderung zieht er einen Strich: «Sie ist inkompatibel mit unserer Kultur.» Mit dieser Ansicht weiss er nicht nur viele seiner Landsleute hinter sich, sondern auch die Bevölkerung anderer mittel- und osteuropäischer Länder. Das Ergebnis des ungarischen Referendums vom vergangenen Wochenende, in dem sich 98 Prozent der Wähler gegen eine von der EU verordnete Zuwanderungspolitik aussprachen, war für Zeman keine Überraschung. Für das Problem, das ungebildete Wirtschaftsmigranten aus Afrika und dem Nahen Osten für die Europäer darstellen, schlägt Zeman eine einfache, aber radikale Lösung vor: «Wir sind hier in Rhodos, auf einer griechischen Insel», erklärt er seinen Plan. «Griechenland hat viele unbewohnte Inseln, und ich bin dafür, diese Wirtschaftsmigranten dorthin zu deportieren.» Sorgen, dass die Regierung in Athen sich nicht auf dieses Vorhaben einlassen würde, plagen ihn nicht. Griechenland habe schliesslich nicht nur viele Inseln, sondern auch hohe Auslandsschulden. Mit so einem Deal könne man also den Griechen helfen, ihre Verbindlichkeiten abzubauen. Details will er zwar nicht nennen, aber im Kern scheint es darauf hinauszulaufen, dass Athen für die Bereitstellung solcher Hotspots von den Europäern vergütet wird. Mit anderen Worten: die komplette Umsetzung des australischen Modells.

Denn Länder wie Kambodscha oder Nauru lassen sich von Australien für die Aufnahme illegaler Migranten bezahlen. Praktische Schwierigkeiten bei der Ausschaffung mehrerer hunderttausend vermutlich unwilliger junger Männer in die ägäische Inselwelt sieht der Präsident offenbar nicht voraus. «Wenn sie nach Europa reingekommen sind», konstatiert er lakonisch, «können sie auch wieder rausgehen.»